Sonntag, 5. April 2020
Zerplatzte Träume
Erstmals in der Geschichte des Eurovision Song Contests wurde die Veranstaltung abgesagt, alle 41 designierten Teilnehmer waren bereits ermittelt, sodass für 41 Künstler der Traum zerplatzte, ihr Lied vor vielen Millionen Zuschauern darbieten zu können – viele von ihnen erreichen nie wieder ein so großes Publikum.

Den deutschen Beitrag „Violent Thing“ habe ich bereits in einem früheren Beitrag wohlwollend vorgestellt, heute möchte ich das Augenmerk stellvertretend auch für alle Mitbewerber auf zwei andere Lieder richten.

Litauen nimmt seit 1994 am ESC teil, kam aber über Platz 6 bisher nicht hinaus. In diesem Jahr führt das Lied „On Fire“, gesungen von der Gruppe The Roop, allerdings viele internationale Wetten und Vorab-Abstimmungen an; vielleicht hätte das Land also das beste Ergebnis seiner ESC-Geschichte erzielt.



Sogar auf prominente Unterstützung aus mehreren Ländern konnte der diesjährige isländische Beitrag bauen – unter anderem Jan Böhmermann und Russell Crowe äußerten sich sehr positiv über das Lied „Think About Things“ von Daði Freyr und der Gruppe Gagnamagnið. Zweimal belegte Island bereits den zweiten Platz – vielleicht hätte es in diesem Jahr erstmals zum Sieg gereicht.



Aber auch in der Vergangenheit gab es immer wieder Lieder, die bereits als Beiträge zum internationalen Wettbewerb ausgewählt worden waren, dann aber aus den verschiedensten Gründen doch nicht antreten durften.

1970 boykottierten einige nordische Länder, wie bereits in einem früheren Beitrag erwähnt, den ESC als Protest gegen das Wertungssystem. Diesem Boykott schloss sich auch Portugal an, das seinen Beitrag allerdings schon ermittelt hatte. Vorgesehen war das Lied "Onde vais rio que eu canto?", gesungen von Sérgio Borges.



Der häufigste Grund für eine Absage ist die Disqualifikation des Liedes aufgrund von Vorveröffentlichung. Die Beiträge dürfen vor einem bestimmten (und im Laufe der Jahre immer wieder angepassten) Stichtag noch nicht kommerziell veröffentlicht werden. Ein Beispiel: 1976 gewann das Lied „Der Star“ die deutsche ESC-Vorentscheidung. Der Interpret, Tony Marshall, war bis zu diesem Zeitpunkt für Stimmungsschlager wie „Schöne Maid“ bekannt und konnte hier eine andere Facette seines Könnens zeigen. Die Freude hielt allerdings nicht lang, wenige Tage nach der Bekanntgabe des Ergebnisses konnte eine bis dahin (und auch weiterhin) weitgehend unbekannte Sängerin nachweisen, dass sie das Lied schon vorher öffentlich gesungen hatte – der Titel durfte also nicht am ESC teilnehmen. Tony Marshall zeigte sich sehr enttäuscht, er bewarb sich nie wieder für den Wettbewerb und kehrte auch musikalisch zu seinen Stimmungsschlagern zurück.



1979 sollte Maria Rita Epik gemeinsam mit der Gruppe 21. Peron mit dem Lied „Seviyorum“ die Türkei beim ESC vertreten. Der Wettbewerb fand damals in Jerusalem statt, und das war auch der Grund, warum mehrere arabische Länder intervenierten und der Türkei von einer Teilnahme abrieten, was dann auch zu einer Absage führte. 20 Jahre später wurde der Wettbewerb übrigens wieder in Jerusalem ausgetragen, diesmal gab es keine Schwierigkeiten – die Türkei konnte antreten.



1982 meldete Griechenland das Lied „Sarantapente Kopelies“, gesungen von Themis Adamantidis, für den ESC an. Allerdings hatte man die Rechnung ohne die Kultusministerin Melina Mercouri (ja genau, die Schauspielerin und Sängerin) gemacht – diese befand das Lied als nicht würdig, das Land international zu vertreten und sagte die Teilname kurzerhand ab.



1992 gewann Geraldine Olivier mit „Soleil, Soleil“ in deutscher Sprache die Schweizer ESC-Vorentscheidung. Nach Ermittlung des Ergebnisses stellte sich allerdings heraus, dass das Lied in einer französischen Version bereits eingereicht worden und abgelehnt worden war. Das Schweizer Fernsehen zog das Lied daraufhin zurück und entsandte das zweitplatzierte Lied zum Wettbewerb.

2005 war die Überraschung groß, als sich der Libanon erstmals zum ESC anmeldete. Ausgewählt wurde das Lied „Quand tout s‘enfuit“, gesungen von Aline Lahoud. Kurz vor dem Wettbewerb fiel allerdings auf, dass das libanesische Fernsehen auf seiner Webseite Israel als Teilnehmer nicht erwähnte; eine Nachfrage ergab, dass im Libanon auch keine Gelegenheit bestand, für den israelischen Beitrag anzurufen. Das dortige Fernsehen erklärte, dass der Libanon Israel nicht als Staat anerkennt und ihm deshalb auch keine Plattform im TV geben dürfe. Da aber alle Beiträge gleichberechtigt von allen Teilnehmerländern ausgestrahlt werden müssen und der Libanon aus rechtlichen Gründen hierfür keine Möglichkeit sah, musste die Teilnahme abgesagt werden. Die Folge waren eine Geldstrafe und eine mehrjährige Sperre; der Libanon bewarb sich bisher nicht noch einmal.




2009 fand der ESC in Moskau statt; Russland befand sich zu jener Zeit in einem Konflikt mit seinem Nachbarn Georgien. Dieser beschloss, seiner Kritik subtil Ausdruck zu verleihen, indem er seinen Beitrag „We don‘t wanna put in“, gesungen von Stephane & 3G, nannte. Das russische Fernsehen erkannte natürlich die Anspielung auf Machthaber Putin und protestierte; die veranstaltende EBU bat das georgische Fernsehen daraufhin, den Text zu ändern oder ein anderes Lied zu wählen. Nachdem das georgische Fernsehen hierzu nicht bereit war, verzichtete man völlig auf eine Teilnahme.



Es war nicht das einzige Mal, dass Russland Streit mit seinen Nachbarn hatte. 2017 fand der ESC in Kiew statt, und Russland nominierte die Sängerin Julia Samoylova mit dem Lied „Flame is burning“. Diese war allerdings schon auf der besetzten Halbinsel Krim aufgetreten, was nach ukrainischem Recht bedeutete, dass sie dort nicht einreisen durfte. Alle Vermittlungen, auch seitens der EBU, scheiterten, sodass Russland in jenem Jahr nicht am ESC teilnahm. Julia Samoylova bekam ihre Chance ein Jahr später.



Diese zweite Chance soll übrigens auch eine Reihe der Künstler bekommen, die in diesem Jahr nicht am ESC teilnehmen können. Mehr dazu schreibe ich, sobald weitere Details bekannt sind.

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