Montag, 6. Juli 2020
Vorentscheidungen - Teil 2
Hier sind noch ein paar Erinnerungen an internationale Vorentscheidungen:

1999 sang Feryal Başel bei der türkischen ESC-Vorentscheidung das wunderschöne „Unuttuğumu sandığım anda“ und belegte Platz 2. Ich hatte das Glück, sie einmal persönlich kennenzulernen und konnte feststellen, dass sie nicht nur eine hervorragende Sängerin, sondern auch ein großartiger Mensch ist. Ganz nebenbei bedaure ich, dass wir nie erfahren werden, wie die nationalen Kommentatoren ihren Liedertitel ausgesprochen hätten.



Dana International gewann den ESC 1998, aber schon drei Jahre zuvor nahm sie an der israelischen Vorentscheidung teil und belegte mit „Layla tov Eropa“ Platz 2. Bin ich der Einzige, der da ein paar schiefe Töne hört?



Auch Conchita Wurst unternahm vor seinem Sieg 2014 bereits einen Anlauf bei der österreichischen Vorentscheidung; 2012 trat er mit „That‘s what I am“ an und wurde Zweiter.



Humor beim ESC – das ist immer ein riskantes Experiment, zumal man nie sicher sein kann, ob dieser auch anderswo verstanden wird. Der schwedische Sänger und Komiker Sina Samadi nennt sich auf der Bühne Sean Banan, folgerichtig nahm er mit dem Lied „Sean den förste banan“ 2012 an der nationalen Vorentscheidung teil, scheiterte aber in der Vorrunde „Andra Chansen“.




Spanien war 1993 das erste Land, in dessen Liedertext das Wort „Sex“ vorkam. Da ist es vielleicht nur folgerichtig, dass sich Las Supremas de Móstoles bei der Vorentscheidung 2005 beklagten: „Du bist süchtig nach Cybersex!“ Sie belegten mit „Eres un enfermo“ Platz 2.



2018 besang Lisandro Cuxi bei der französischen ESC-Vorentscheidung eine gewisse „Eva“ und belegte Platz 2. Für Ungeduldige: Das Lied beginnt bei 1:40 Minuten.



Ist das nicht…? Den kenne ich doch? Les McKeown war in den 1970ern als Sänger der Bay City Rollers der Schwarm einer ganzen Generation von Mädchen. 1990 versuchte er als Solist, das Vereinigte Königreich beim ESC zu vertreten, landete mit „Ball and chain“ aber nur auf Platz 4 der Vorentscheidung.



Die belgische Gruppe Two Man Sound, die, wie der Name schon vermuten lässt, aus drei Männern bestand, hatte Mitte der 1970er Jahre mit „Charlie Brown“ und „Disco Samba“ einige internationale Erfolge. 1977 beteiligte sie sich mit „Dancing Man“ an der nationalen Vorentscheidung, belegte aber nur den dritten und damit letzten Platz.



Mal sehen, vielleicht folgt bald Teil 3...

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Montag, 15. Juni 2020
Vorentscheidungen
Wie die EBU und die niederländischen Veranstalter bekannt gaben, soll der ESC 2021 eine Woche später als ursprünglich angenommen, nämlich am 22.5.21 (Halbfnalrunden am 18.5. und am 20.5.) stattfinden – wenn es das Covid 19-Geschehen und sonstige unvorhergesehene Unannehmlichkeiten zulassen. Viele Länder haben, wie bereits erwähnt, die für dieses Jahr vorgesehenen Interpreten auch für die kommende Ausgabe des Wettbewerbs nominiert, sodass es in der anstehenden Saison relativ wenige klassische Vorentscheide geben wird.

Ich habe diese nationalen Auswahlen insbesondere in den Jahren, in denen das Internet mit seinen Übertragungsmöglichkeiten neu für mich war, sehr intensiv verfolgt, habe aber davon immer mehr abgelassen, nachdem die Halbfinalrunden eingeführt wurden und so die Zahl der Teilnehmer immer größer wurde, zumal in nicht wenigen Ländern auch noch Vorrunden abgehalten werden – konkret begann meine "heiße Phase" knapp vor der Jahrtausendwende und ebbte ab 2007 immer mehr ab.

Selten erhalten Lieder, die in den nationalen Vorentscheidungen scheitern, trotzdem internationale Beachtung. Selbst beim in einem früheren Beitrag erwähnten „Ring Ring“ von ABBA (damals noch Björn & Benny, Agnetha & Frida) sind Abstriche zu machen, weil das Lied außerhalb Schwedens erst eine gewisse Popularität bekam, nachdem die Gruppe auch dort bekannt war.

1983 gab es eine kuriose Vorentscheidung in den Niederlanden: Drei Interpreten sangen jeweils drei verschiedene Lieder, am Ende entschied eine Jury, welche der möglichen Kombinationen das Land international vertreten sollte. Sie entschieden sich gegen „Fantasie Eiland“, das kurz darauf in der englischen Version „Fantasy Island“ ein Hit für die britische Gruppe Tight Fit wurde.





Ebenfalls kurios ist die Geschichte des nächsten Liedes: 2003 nahm die Gruppe Vanilla Ninja mit „Club Kung Fu“ an der estnischen ESC-Vorentscheidung teil und belegte den letzten Platz. Ein Jahr später starteten sie ihre internationale Karriere, in deren Rahmen das Lied auch außerhalb Estlands als Single veröffentlicht wurde und immerhin zwei Wochen in den deutschen Verkaufslisten vertreten war.



In Deutschland wurden insbesondere in den 1960ern und 1970ern Lieder aus den Vorentscheidungen kommerzielle Erfolge, auch wenn sie nicht gewinnen konnten – Heidi Brühl erreichte 1960 mit „Wir wollen niemals auseinandergehn“ sogar Platz 1 der Verkaufsliste, 1969 war Peggy March mit „Hey (das ist Musik für mich)“ erfolgreich, 1972 hatten Inga & Wolf mit „Gute Nacht, Freunde“ ihren einzigen Hit; im selben Jahr ersangen sich Cindy & Bert mit „Geh die Straße“ ihren Durchbruch. Drei Jahre später kam Jürgen Marcus mit „Ein Lieht zieht hinaus in die Welt“ bis Platz 3 der Verkaufslisten und landete somit vier Ränge vor Marianne Rosenberg und ihrem „Er gehört zu mir“ - trotzdem ist es dieses Lied, das am meisten, auch wegen einiger Wiederveröffentlichungen, in der kollektiven Erinnerung blieb. Noch heute können viele Menschen den Text mitsingen.



Ich möchte noch einige Vorentscheidungslieder vorstellen, die zwar außerhalb ihres Landes keine großen Hits wurden, die mir aber gut gefielen – es sind auch relativ neue Titel dabei, auf die ich von Bekannten dankenswerterweise hingewiesen wurde – wie gesagt, ich verfolge diese Wettbewerbe nur noch am Rande.

Ich möchte mit zwei Liedern aus dem Jahr 2000 beginnen. In Spanien sang Raúl das, was ich für den Prototyp eines Latino-Popsongs halte: Er belegte mit „Sueño su boca“ den zweiten Platz.



Ein paar hundert Kilometer nordöstlich, in Dänemark, kam Sanne Gottlieb mit „Uden dig“ auf Platz 3.



Die schwedische Vorentscheidung „Melodifestivalen“ ist national so etwas wie eine Institution, viele der Teilnehmertitel erreichen die Spitzenplätze der Verkaufslisten. Ich habe mir ein Lied aus dem Jahr 2005 ausgesucht; die Gruppe Alcazar hatte einige Zeit vorher auch international mit „Crying at the discotheque“ einen Hit, bei der Vorentscheidung versuchten sie es mit „Alcastar“.



Auch nach fast 40 Jahren bekomme ich immer noch gute Laune, wenn ich das Lied „Een beetje van dit“ höre. Vulcano belegten bei der niederländischen Vorentscheidung 1983 den zweiten Platz.



Bleiben wir in den Niederlanden: 1998 kamen Nubia mit „Ze kwamen overzee“ auf Platz 4.



Kommen wir zu den aktuelleren Liedern: 2019 nahm „J‘ai pas le temps“, gesungen vom Duo Lautner, an der französischen ESC-Vorentscheidung teil, erreichte aber nicht die dortige Finalrunde – vielleicht wegen einiger stimmlicher Unzulänglichkeiten.



Ich habe mit ein paar Kuriositäten begonnen, und so möchte ich auch enden. Ebenfalls 2019 nahm ein komplett auf deutsch gesungenes Lied an der estnischen Vorentscheidung teil. „Wo sind die Katzen?“, gesungen von Kaia Tamm, erreichte aber ebenfalls nicht das nationale Finale.



Das soll es für heute gewesen sein – mal sehen, vielleicht schiebe ich irgendwann einen weiteren Teil hinterher.

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Montag, 18. Mai 2020
Erste Vorschau auf 2021
Vor zwei Tagen hätte der ESC 2020 stattfinden sollen, und wir wüssten jetzt, wer der Sieger ist - sehr viele Ereignisse werden in diesen Tagen im Konjunktiv II artikuliert. Stattdessen sendete die ARD ein Mammutprogramm - eine selbst produzierte Show ohne Publikum, bei der immerhin vier der designierten ESC-Interpreten live auftraten, mit etwas zeitlicher Verzögerung ein gesamteuropäisches Projekt ohne Wettbewerbscharakter aus den Niederlanden, und zum Abschluss noch einmal in voller Länge den ESC 2010, den Deutschland bekanntlich gewann. Hierfür ein dickes Dankeschön an alle Verantwortlichen, die es schafften, mehr ESC-Material zu senden als an einem normalen Contest-Abend.

Bei der (sterbenslangweiligen) Ersatzshow aus Hilversum (nein, nicht aus Rotterdam) wurde die Lokalität für 2021 bestätigt, und das wirft nicht nur bei mir Fragen auf. Die Niederlande haben bis auf Weiteres alle Großveranstaltungen untersagt - und eine solche ist der ESC ohne Zweifel. Meiner Meinung nach gibt es in den Schubladen der Verantwortlichen bereits Ersatzpläne für eine eventuelle erneute Absage - vielleicht eine Art Videokonferenz oder Auftritte ohne Publikum. Von beiden Möglichkeiten würde ich übrigens dringend abraten, der ESC ist eine Veranstaltung, die von ihrem Publikum vor Ort lebt, und wie absurd Fußballspiele ohne Torjubel wirken, zeigt gerade die Bundesliga.

Aber selbst wenn es einen regulären Song Contest 2021 geben sollte, wäre er, insbesondere was die Vorbereitungen angeht, alles andere als normal. 18 (Stand heute) der diesjährigen Teilnehmer haben bereits bestätigt, dass die diesjährigen designierten Interpreten auch 2021 antreten sollen. Es ist anzunehmen, dass viele der entsprechenden Lieder intern ausgewählt werden; konkrete Pläne für Vorentscheidungen mit mehreren Künstlern (und oft auch mit mehreren Runden) gibt es insbesondere in Nordeuropa, wo diese Sendungen eine Art Kultcharakter haben - insbesondere "Melodifestivalen" in Schweden ist eine Institution geworden.

Zu den 18 genannten Ländern gehört Deutschland übrigens nicht, obwohl Ben Dolic bereits signalisierte, dass er auch im nächsten Jahr wieder bereit wäre. Nach seinem Auftritt bei der ARD-Show würde ich NDR und ARD allerdings dringend raten, von seiner Direktnominierung abzusehen. Ich liebe das Lied nach wir vor, und erfreulicherweise (und völlig verdientermaßen) wird es im Radio nach wie vor oft gespielt. Auf der Bühne wirkte Ben allerdings mehr als verloren, was nur zu einem kleinen Teil am fehlenden Publikum lag. Er wirkt einfach viel jünger als er ist, was durch seine hohe Stimme noch untermalt wird. Neben den Tänzern auf der Bühne sah er aus wie ein Pfadfinder, der bei der Geburtstagsfeier seiner älteren Schwester verbotenerweise durch den Türschlitz späht, und seine Intention, mit einer der Damen zu flirten, wurde erst zum Schluss klar, als sich die beiden corona-regelkonform auf Abstand anlächelten. Auch hier sah Ben aus wie ein Junge, der Mutti bittet, ausnahmsweise erst um 20 Uhr ins Bett gehen zu müssen. Amouröse, gar (wie im Text impliziert) schmutzige Gedanken nehme ich ihm beim besten Willen nicht ab.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Bühnenauftritt einen wesentlichen Teil der Bewertung ausmacht, und dass schon Nuancen dazu führen können, dass ein vermeintlicher Favorit wesentlich schlechter abschneidet als erwartet. Aktuell denke ich da an den Italiener Francesco Gabbani 2017, der vielleicht zu siegessicher war und etwas zu arrogant wirkte - Platz 6 war da schon eine Niederlage. Oder, um in Deutschland zu bleiben, an Corinna May 2002, deren Blindheit international nicht bekannt gegeben werden sollte (um keinen Mitleidseffekt zu erzielen) und deren Bewegungen für unvoreingenommene Zuschauer unbeholfen und befremdlich wirkten. Sie wurde im Vorfeld im erweiterten Kreis der potenziellen Sieger gehandelt, am Ende reichte es nicht einmal für die Top 20. Die Wichtigkeit der Bühnenpräsenz ist übrigens auch der Grund, warum ich meine Prognosen immer erst kurz vor dem Wettbewerb abgebe, wenn ich die Einzelproben gesehen habe.

Mein Vorschlag für 2021 wäre also: Gern dieselben Autoren, aber bitte ein anderer Künstler. Sorry, Ben.

Ich denke, wir werden in den nächsten Monaten noch einige Meldungen zum ESC bekommen - vielleicht erfreuliche, vielleicht überraschende, vielleicht enttäuschende. Jedenfalls wird uns der Konjunktiv II weiter begleiten.

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Freitag, 24. April 2020
ESC 2021 - ESC 1971
Der Stadtrat von Rotterdam hat entschieden, dass die Stadt auch für einen ESC 2021 zur Verfügung steht, als Termine wurden der 11.5. und der 13.5. für die Halbfinalrunden und der 15.5. für das Finale festgelegt. Diese Daten sollten allerdings eher unter Vorbehalt gesehen werden, niemand kann heute schon sagen, ob im nächsten Jahr wieder Großveranstaltungen stattfinden können. Die Entscheidung war auch auf Druck der veranstaltenden EBU notwendig geworden, weil der Stadt auch den abgesagten Wettbewerb 2020 hohe Kosten entstanden waren, die dann zusätzlich zu den Beträgen für 2021 fällig werden. So entsteht eine Planungssicherheit für alle Beteiligten – wenn der ESC ausgetragen werden kann. Bereits jetzt steht etwa ein Dutzend der teilnehmenden Künstler fest, die jeweiligen Fernsehanstalten geben den Sängerinnen und Sängern, die für den diesjährigen ESC vorgesehen waren, eine zweite Chance. Die kommenden Monate werden Aufschluss darüber geben, ob und wie die Planungen weitergehen.

Beim Wettbewerb 50 Jahre zuvor, also 1971, spielte das Corona-Virus keine Rolle, trotzdem gab es auch damals eine Direktnominierung, nämlich beim Deutschen Fernsehen. Der damals verantwortliche Hessische Rundfunk war von dem dritten Platz, den Katja Ebstein im Vorjahr erzielt hatte, so angetan, dass er die Sängerin fragte, ob sie noch einmal antreten wollte, was diese bejahte. Fünf Autorenteams wurden gebeten, Lieder zu schreiben, die Katja Ebstein dann vorstellte und die von einer Jury bewertet wurden. Sieger wurde „Diese Welt“, Komponist war Dieter Zimmermann, Texter war Fred Jay. Bemerkenswert war, dass in diesem Jahr bereits ungefähr ein Jahrzehnt vor den Demonstrationen der Ökobewegungen und der Gründung der Partei „Die Grünen“ die Zerstörung der Umwelt thematisiert wurde – im Text heißt es „Rauch aus tausend Schloten senkt sich über Stadt und Land, wo noch gestern Kinder warn, bedeckt heut Öl den Strand.“



Den zweiten Platz belegte „Alle Menschen auf der Erde“, das von dem Team geschrieben wurde, das auch für den Vorjahrestitel „Wunder gibt es immer wieder“ verantwortlich zeichnete.



Den internationalen ESC richtete der Vorjahressieger, das irische Fernsehen, aus; Veranstaltungsort war das Gaiety Theater in Dublin. Im Vorfeld mussten die Verantwortlichen einige Probleme lösen. Zunächst war da das Wertungssystem; im Vorjahr hatten mehrere Länder aus Protest dagegen den ESC boykottiert, für 1971 wurde ein völlig neues System erdacht: Nunmehr waren aus jedem Teilnehmerland zwei Juroren vor Ort anwesend, die jedem Beitrag (außer dem eigenen) mindestens einen und höchstens fünf Punkte gaben. Die Wertung war öffentlich, sodass die Zuschauer verfolgen konnten, wie sich die Rangfolge entwickelte. Auch an diesem Verfahren gab es Kritikpunkte, so wurde gemutmaßt, dass Favoriten ihren Mitbewerbern absichtlich wenige Punkte geben könnten, um so möglicherweise die Konkurrenz auf Abstand zu halten. Damals traf dieses Verfahren aber auf Zustimmung, sodass alle im Vorjahr Abtrünnigen zurückkamen, zudem nahm Malta erstmals teil.

Und noch eine, bis heute gültige, Regeländerung trat in Kraft: Nunmehr durften bis zu sechs Personen auf der Bühne sein, egal in welcher Funktion. Bislang waren nur Solisten und Duos zugelassen, nunmehr konnten auch Gruppen antreten, möglich waren auch Tänzer, Instrumentalisten, Chorsänger oder sonstige Statisten. Diese Neuerung wurde allerdings nur zögerlich angenommen; Schweden entsandte eine vierköpfige Gruppe, die Schweiz ein Trio, alle anderen Länder blieben bei einem oder zwei Interpreten, meist verstärkt durch einen kleinen Chor.

Bei den Schweizern handelte es sich um Peter, Sue und Marc. Es war der erste von vier Auftritten, die das Trio bis 1981 absolvierte; bemerkenswert ist, dass sie für ihre Lieder jedes Mal eine andere Sprache wählten. 1971 entschieden sie sich für Französisch und besangen die Illusionen ihrer 20 Jahre („Les illusions de nos vingt ans“), was dem damaligen Alter von Sängerin Sue Schell entsprach. Sie belegten Platz 12.



Deutschland und damit Katja Ebstein belegte, wie im Vorjahr, den dritten Platz; der Sieg ging erstmals an Monaco. Die Französin Séverine überzeugte die Jurys mit dem Lied „Un banc, un arbre, une rue“. Wie damals üblich, veröffentlichte die Sängerin den Titel in mehreren Sprachen; die deutsche Version „Mach die Augen zu und wünsch dir einen Traum“ gefiel dem Produzenten und Komponisten Jack White so gut, dass er die Sängerin unter Vertrag nahm; sie war daraufhin mit Stimmungsliedern wie „Jetzt geht die Party richtig los“ oder „Ja, der Eiffelturm“ in der ersten Hälfte der 1970er Jahre sehr erfolgreich. In ihrer Heimat hingegen schaffte sie den großen Durchbruch nicht, und das monegassische Fernsehen war über den Sieg so wenig erfreut, dass es die Sängerin, die das Land nach eigenem Bekunden bis dahin noch nicht besucht hatte, nicht einmal einlud. Monaco sah keine Möglichkeit, den ESC 1972 auszurichten; dieser fand daraufhin in Edinburgh statt.



Zum Abschluss meiner kleinen Retrospektive möchte ich auf die norwegische ESC-Vorentscheidung 1971 zurückblicken. Seit 1990 gilt die Regel, dass die Interpreten mindestens 16 Jahre alt sein müssen, vorher gab es keine Altersbegrenzung. So trat in Norwegen wenige Tage vor ihrem zehnten Geburtstag Anita Hegerland an und forderte ein Zebra; sie belegte Platz 4. In Deutschland hatte sie ein paar Monate später im Duett mit Roy Black großen Erfolg; in „Schön ist es, auf der Welt zu sein“ besang sie aber andere Tiere, namentlich eine Biene und ein Stachelschwein.

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Sonntag, 5. April 2020
Zerplatzte Träume
Erstmals in der Geschichte des Eurovision Song Contests wurde die Veranstaltung abgesagt, alle 41 designierten Teilnehmer waren bereits ermittelt, sodass für 41 Künstler der Traum zerplatzte, ihr Lied vor vielen Millionen Zuschauern darbieten zu können – viele von ihnen erreichen nie wieder ein so großes Publikum.

Den deutschen Beitrag „Violent Thing“ habe ich bereits in einem früheren Beitrag wohlwollend vorgestellt, heute möchte ich das Augenmerk stellvertretend auch für alle Mitbewerber auf zwei andere Lieder richten.

Litauen nimmt seit 1994 am ESC teil, kam aber über Platz 6 bisher nicht hinaus. In diesem Jahr führt das Lied „On Fire“, gesungen von der Gruppe The Roop, allerdings viele internationale Wetten und Vorab-Abstimmungen an; vielleicht hätte das Land also das beste Ergebnis seiner ESC-Geschichte erzielt.



Sogar auf prominente Unterstützung aus mehreren Ländern konnte der diesjährige isländische Beitrag bauen – unter anderem Jan Böhmermann und Russell Crowe äußerten sich sehr positiv über das Lied „Think About Things“ von Daði Freyr und der Gruppe Gagnamagnið. Zweimal belegte Island bereits den zweiten Platz – vielleicht hätte es in diesem Jahr erstmals zum Sieg gereicht.



Aber auch in der Vergangenheit gab es immer wieder Lieder, die bereits als Beiträge zum internationalen Wettbewerb ausgewählt worden waren, dann aber aus den verschiedensten Gründen doch nicht antreten durften.

1970 boykottierten einige nordische Länder, wie bereits in einem früheren Beitrag erwähnt, den ESC als Protest gegen das Wertungssystem. Diesem Boykott schloss sich auch Portugal an, das seinen Beitrag allerdings schon ermittelt hatte. Vorgesehen war das Lied "Onde vais rio que eu canto?", gesungen von Sérgio Borges.



Der häufigste Grund für eine Absage ist die Disqualifikation des Liedes aufgrund von Vorveröffentlichung. Die Beiträge dürfen vor einem bestimmten (und im Laufe der Jahre immer wieder angepassten) Stichtag noch nicht kommerziell veröffentlicht werden. Ein Beispiel: 1976 gewann das Lied „Der Star“ die deutsche ESC-Vorentscheidung. Der Interpret, Tony Marshall, war bis zu diesem Zeitpunkt für Stimmungsschlager wie „Schöne Maid“ bekannt und konnte hier eine andere Facette seines Könnens zeigen. Die Freude hielt allerdings nicht lang, wenige Tage nach der Bekanntgabe des Ergebnisses konnte eine bis dahin (und auch weiterhin) weitgehend unbekannte Sängerin nachweisen, dass sie das Lied schon vorher öffentlich gesungen hatte – der Titel durfte also nicht am ESC teilnehmen. Tony Marshall zeigte sich sehr enttäuscht, er bewarb sich nie wieder für den Wettbewerb und kehrte auch musikalisch zu seinen Stimmungsschlagern zurück.



1979 sollte Maria Rita Epik gemeinsam mit der Gruppe 21. Peron mit dem Lied „Seviyorum“ die Türkei beim ESC vertreten. Der Wettbewerb fand damals in Jerusalem statt, und das war auch der Grund, warum mehrere arabische Länder intervenierten und der Türkei von einer Teilnahme abrieten, was dann auch zu einer Absage führte. 20 Jahre später wurde der Wettbewerb übrigens wieder in Jerusalem ausgetragen, diesmal gab es keine Schwierigkeiten – die Türkei konnte antreten.



1982 meldete Griechenland das Lied „Sarantapente Kopelies“, gesungen von Themis Adamantidis, für den ESC an. Allerdings hatte man die Rechnung ohne die Kultusministerin Melina Mercouri (ja genau, die Schauspielerin und Sängerin) gemacht – diese befand das Lied als nicht würdig, das Land international zu vertreten und sagte die Teilname kurzerhand ab.



1992 gewann Geraldine Olivier mit „Soleil, Soleil“ in deutscher Sprache die Schweizer ESC-Vorentscheidung. Nach Ermittlung des Ergebnisses stellte sich allerdings heraus, dass das Lied in einer französischen Version bereits eingereicht worden und abgelehnt worden war. Das Schweizer Fernsehen zog das Lied daraufhin zurück und entsandte das zweitplatzierte Lied zum Wettbewerb.

2005 war die Überraschung groß, als sich der Libanon erstmals zum ESC anmeldete. Ausgewählt wurde das Lied „Quand tout s‘enfuit“, gesungen von Aline Lahoud. Kurz vor dem Wettbewerb fiel allerdings auf, dass das libanesische Fernsehen auf seiner Webseite Israel als Teilnehmer nicht erwähnte; eine Nachfrage ergab, dass im Libanon auch keine Gelegenheit bestand, für den israelischen Beitrag anzurufen. Das dortige Fernsehen erklärte, dass der Libanon Israel nicht als Staat anerkennt und ihm deshalb auch keine Plattform im TV geben dürfe. Da aber alle Beiträge gleichberechtigt von allen Teilnehmerländern ausgestrahlt werden müssen und der Libanon aus rechtlichen Gründen hierfür keine Möglichkeit sah, musste die Teilnahme abgesagt werden. Die Folge waren eine Geldstrafe und eine mehrjährige Sperre; der Libanon bewarb sich bisher nicht noch einmal.




2009 fand der ESC in Moskau statt; Russland befand sich zu jener Zeit in einem Konflikt mit seinem Nachbarn Georgien. Dieser beschloss, seiner Kritik subtil Ausdruck zu verleihen, indem er seinen Beitrag „We don‘t wanna put in“, gesungen von Stephane & 3G, nannte. Das russische Fernsehen erkannte natürlich die Anspielung auf Machthaber Putin und protestierte; die veranstaltende EBU bat das georgische Fernsehen daraufhin, den Text zu ändern oder ein anderes Lied zu wählen. Nachdem das georgische Fernsehen hierzu nicht bereit war, verzichtete man völlig auf eine Teilnahme.



Es war nicht das einzige Mal, dass Russland Streit mit seinen Nachbarn hatte. 2017 fand der ESC in Kiew statt, und Russland nominierte die Sängerin Julia Samoylova mit dem Lied „Flame is burning“. Diese war allerdings schon auf der besetzten Halbinsel Krim aufgetreten, was nach ukrainischem Recht bedeutete, dass sie dort nicht einreisen durfte. Alle Vermittlungen, auch seitens der EBU, scheiterten, sodass Russland in jenem Jahr nicht am ESC teilnahm. Julia Samoylova bekam ihre Chance ein Jahr später.



Diese zweite Chance soll übrigens auch eine Reihe der Künstler bekommen, die in diesem Jahr nicht am ESC teilnehmen können. Mehr dazu schreibe ich, sobald weitere Details bekannt sind.

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Mittwoch, 18. März 2020
Absage
Spätestens nach der Verlegung der Fußball-Europameisterschaft um ein Jahr war es absehbar, dass auch der Eurovision Song Contest der Covid 19-Pandemie zum Opfer fällt. Schade, aber sicher die einzig mögliche Lösung. Hier ist eine offizielle Mitteilung des EBU-Supervisors Jon Ola Sand:



Damit sorgt ein kleines Virus dafür, dass 2020 das erste Jahr seit 1955 ist, in dem kein ESC stattfindet. Ob er im nächsten Jahr in Rotterdam ausgetragen wird, wird später entschieden.

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Freitag, 13. März 2020
Komplett
Et voilà... mittlerweile haben alle 41 Länder ihre Beiträge veröffentlicht. Nachdem im letzten Jahr ein männlicher Solist mit einer Ballade gewonnen hat, versuchen es viele Länder mit männlichen Solisten (darunter die kompletten "Big5") und/oder mit einer Ballade. Daneben gibt es aber auch eine ganze Reihe von temporeichen Beiträgen, die auf einen abwechslungsreichen Song Contest hoffen lassen - wenn er denn stattfindet. Das Corona-Virus ist auch hier ein Thema, erste Teilnehmer haben ihre Promo-Auftritte bereits abgesagt oder eingeschränkt, und diverse Alternativszenarien geistern bereits durch das Netz. Ein ESC ohne Publikum, oder gar eine Videoschaltung zu allen Teilnehmerländern - vieles ist möglich, natürlich auch eine Verlegung oder eine komplette Absage.

Ich habe wirklich keine Tendenz zu einer der möglichen Lösungen. Egal, wie man sich entscheidet, wird es drastische Konsequenzen haben - ökonomischer Art z.B. für die zahlreichen Industrien, die involviert sind, aber auch, was das Flair angeht, das auch von den Geschehnissen um den eigentlichen Wettbewerb herum ausgeht. Ich war dreimal persönlich vor Ort und möchte die Erfahrungen und Erlebnisse nicht missen, und man wird sie in einer menschenleeren Halle (oder einem kleinen Studio) niemals reproduzieren können.

Aber natürlich, auch wenn der ESC eine weltweit beachtete Unterhaltungsshow ist und auch wenn sehr viele Menschen ihre Arbeit und ihre Kreativität hineinstecken - es bleibt eben Unterhaltung, die nicht dazu führen darf, dass eine unabsehbar große Anzahl von Menschen gesundheitlich gefährdet wird.

Ich werde also jede der möglichen Lösungen akzeptieren und warte einfach ab, was die nächsten Wochen bringen - derzeit überschlagen sich die Meldungen zum Virus derart, dass keine seriöse Prognose möglich ist. Dementsprechend kann ich auch überhaupt nicht voraussagen, in welcher Form und in welchem zeitlichen Rahmen ich diese Blogseite fortführen werde.

Nichtsdestotrotz - hier ist ein kleiner Überblick über alle 41 Beiträge:

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Freitag, 28. Februar 2020
Deutschland beim ESC 2020
Normalerweise verzichte ich darauf, einzelne ESC-Lieder zu kommentieren, bevor die Bühnenproben vorbei sind, aber momentan bin ich so (positiv!) überrascht, dass ich eine Ausnahme mache.

In diesem Jahr hat Deutschland erstmals seit 2009 auf eine nationale Vorentscheidung verzichtet und sich auf zwei verschiedene Jurys verlassen - eine 100köpfige nationale und eine 20köpfige internationale. Diese trafen ihre Wahl bereits am 12.12.19, aber wie durch ein Wunder schafften es alle Beteiligten, diese bis zur offiziellen Vorstellung am 27.2.20 geheim zu halten. Die lange Wartezeit sorgte bereits für einige heftige Reaktionen; in ein paar Einspielern hielt der NDR die Spannung aufrecht. Ein paar Tage vor dem offiziellen Termin versprach Prof. Satellite aka Sky du Mont, dass man den besten deutschen ESC-Song aller Zeiten gefunden habe. Als ich das hörte, dachte ich "Klappern gehört zum Handwerk", aber ich sah dem großen Tag durchaus interessiert entgegen.



Mittlerweile wurde der Beitrag veröffentlicht, und ich muss zugeben, dass der Professor nicht zu viel versprochen hat. Erstmals in diesem Jahrtausend gefällt mir ein deutscher Beitrag wirklich gut. Bisher sind 16 internationale Lieder bekannt, und von diesen ist Deutschland mit Abstand meine Nummer eins - Daumen hoch, lieber NDR, alles richtig gemacht.

Natürlich kommt es für den ESC darauf an, wie das Lied optisch umgesetzt wird, derzeit ist es auch noch zu lang, es muss also etwas anders arrangiert werden, um den Spielregeln zu entsprechen.

Ich fühle mich in meiner Auffassung gestärkt, dass es kein Vorteil ist, die breite Masse, also die Fernsehzuschauer, entscheiden zu lassen, weil den meisten von ihnen die Kompetenz fehlt - ich wage zu behaupten, dass der diesjährige deutsche Beitrag eine Publikumsabstimmung nicht überstanden hätte, und das wäre sehr, sehr schade gewesen.

Der Beitrag selbst ist eine internationale Produktion; der Sänger Ben Dolic ist Slowene, lebte einige Zeit in der Schweiz, bevor er nach Berlin zog. Er nahm in mehreren Ländern an verschiedenen Casting-Shows teil, darunter auch als Teil einer Band an der slowenischen ESC-Vorentscheidung 2016. Zu den Autoren gehört der Bulgare Borislav Milano, der mit mehreren Beiträgen beim internationalen ESC schon sehr erfolgreich war. Dies ist das Ergebnis:



Für meine Einschätzung beim ESC ist der allererste Eindruck wichtig - holt mich das Lied sofort ab? Das ist wichtig, weil die meisten Zuschauer den Beitrag zum ersten Mal hören. Und genau das unterscheidet den Wettbewerb von kommerzieller Radio-Musik, die man sich auch mit der Zeit "schön hören" kann. Und in diesem Fall war ich sofort wie elektrisiert. Offenbar trifft das auch auf die Verantwortlichen bei den Radiosendern zu, ich habe das Lied schon mehrmals bei NDR 2 gehört, andere Menschen aus anderen Teilen Deutschlands berichten ähnliches.

Übrigens ist Ben nicht der erste Slowene, der Deutschland beim ESC vertritt; Daniel Kovac wurde im slowenischen Črna na Koroškem geboren und sang 1990 im Duett mit Chris Kempers das Lied "Frei zu leben"; damals war Slowenien allerdings noch Teil Jugoslawiens.

Ich warte die noch ausstehenden internationalen Beiträge und natürlich auch die Einzelproben in Rotterdam ab, aber selten war ich bezüglich eines deutschen ESC-Liedes im Vorfeld so optimistisch wie in diesem Jahr. Von Herzen alles Gute, Ben!

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Samstag, 11. Januar 2020
ABBA beim ESC
ABBA gewannen den ESC 1974, und bis heute ist ihr damaliger Siegertitel „Waterloo“ einer der erfolgreichsten in der Geschichte des Wettbewerbs. Tatsächlich war die Gruppe aber an zahlreichen Song Contests oder an den nationalen Vorentscheidungen dazu beteiligt – einzeln oder als Gruppe.

1969 gab es nicht nur beim internationalen ESC, sondern auch bei der schwedischen Vorentscheidung eine Stimmengleichheit an der Spitze. In Stockholm löste man das Problem, indem die Jury erneut abstimmte. Der hierbei unterlegene Titel heißt „Hej Clown“ und wurde von Jan Malmsjö gesungen. Autoren waren Lars Berghagen und das spätere ABBA-Mitglied Benny Andersson.



Beim selben Wettbewerb belegte Bennys zukünftige Frau und ABBA-Mitglied Anni-Frid Lyngstad mit dem Lied „Härlig är vår jord“ den vierten Platz.



1972 versuchten es Benny Andersson und Björn Ulvaeus erstmals gemeinsam als Autoren bei der schwedischen Eurovisionsvorentscheidung. Sie schrieben das Lied „Säg det med en sång“, das Lena Andersson sang. Das Ergebnis war ein dritter Platz.



1973 arbeiteten die zukünftigen ABBA-Mitglieder bereits offiziell zusammen und veröffentlichten auch gemeinsame Schallplatten; sie sahen sich trotzdem noch eher als Projekt von Einzelkünstlern, zumal beide Frauen auch als Solistinnen sehr erfolgreich waren. So traten sie bei der schwedischen Vorentscheidung mit ihrem Lied „Ring Ring“ als Björn & Benny, Agnetha & Anni-Frid an. Sie galten im Vorfeld als Favoriten, belegten aber nur Platz 3. Agnetha war zu diesem Zeitpunkt übrigens im neunten Monat schwanger.



1974 klappte es dann bekanntermaßen; die Gruppe nannte sich mittlerweile auch offiziell ABBA und belegte mit dem von Benny und Björn geschriebenen „Waterloo“ nicht nur national, sondern auch international den ersten Platz. Den damaligen Spielregeln entsprechend mussten sie das Lied bei der Vorentscheidung auf Schwedisch singen.



Auch für den ESC 1975 reichen Benny und Björn als Autoren einen Titel bei der schwedischen Vorentscheidung ein; „Bang en boomerang“ wurde von Svenne & Lotta gesungen. Diese waren Bennys Bandkollegen bei den „Hep Stars“ in den 1960ern. Eine englische von ABBA gesungene Version des Liedes erschien zeitgleich unter dem etwas abgewandelten Namen „Bang-A-Boomerang“ auf der LP „ABBA“. In einigen Ländern wurde sie auch als Single ausgekoppelt.



Den nächsten Berührungspunkt ABBAs mit dem ESC finden wir 1981. Agnetha Fältskog schrieb zusammen mit Ingela ‚Pling‘ Forsman das Lied „Men natten är vår“, das von Kicki Moberg gesungen wurde und den letzten Platz belegte.



Im selben Jahr beteiligte sich Finn Kalvik mit dem Lied „Aldri i livet“ für Norwegen am internationalen ESC. Der ABBA-Bezug zu diesem Beitrag fällt nicht sofort ins Auge: Benny Andersson war Finn Kalviks Produzent, und bei der Studioaufnahme sangen die ABBA-Frauen Agnetha und Anni-Frid die weiblichen Chorstimmen; beim Wettbewerb wurden sie allerdings durch andere Sängerinnen ersetzt. Das Ergebnis war wenig erfreulich: Norwegen belegte mit 0 Punkten den letzten Platz.



Auch beim nächsten Lied findet man die Verbindung zu ABBA erst auf den zweiten Blick: 1996 vertrat die Gruppe „One More Time“ Schweden beim ESC und belegte mit dem Titel „Den vilda“ den dritten Platz. Der Pianist der Gruppe, Peter Grönvall, ist Benny Anderssons Sohn; eine der Sängerinnen, Nanne Grönvall, ist dessen Ehefrau und somit Bennys Schwiegertochter. Beide sind auch die Autoren des Liedes.



Nanne Grönvall nahm übrigens noch mehrere Male an ESC-Vorentscheidungen in Schweden und Großbritannien teil, sie wird es auch in diesem Jahr tun, und die Gruppe Bracelet, zu der Nannes und Peters Söhne (und damit Bennys Enkel) Charlie und Felix gehören, war bei der dänischen ESC-Vorentscheidung 2016 dabei. Aber ich denke, es führt zu weit, wenn ich hier alle Lieder vorstelle, an denen ABBA irgendwie familiär beteiligt sind.

Zwei Originalmitglieder der Band, nämlich Benny und Björn, schrieben 2013 gemeinsam mit dem (leider viel zu jung verstorbenen) DJ Avicii das Lied „We Write The Story“. Dieses wurde außer Konkurrenz mit großem Chor beim ESC in Malmö uraufgeführt.



Ist die Zeit ABBAs beim ESC damit vorbei? Das kann ich natürlich nicht sagen oder gar wissen, aber ich lasse meine Gedanken schweifen… die vier Originalmitglieder haben sich kürzlich erstmals seit Jahrzehnten wiedergetroffen und sogar einige neue Lieder aufgenommen, die bisher noch nicht veröffentlicht wurden. Vielleicht erleben wir ja 2024, zum 50sten Waterloo-Jubiläum, eine Überraschung?

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Sonntag, 8. Dezember 2019
Rückblick auf das Jahrzehnt
Nicht nur das Jahr 2019, sondern auch die 2010er Jahre sind in ein paar Wochen vorüber – ich möchte gern auf das Jahrzehnt zurückblicken.

Ich stelle fest, dass der Enthusiasmus, der mich viele Jahre mit dem ESC verband, deutlich abgekühlt ist. In den 1970ern nahm ich die Wettbewerbslieder per Mikrofon und Kassettenrekorder vom Fernsehen auf, in den 1990ern veranstaltete ich ESC-Partys mit manchmal 30 Gästen und mehreren Fernsehteams, in den 2000ern besuchte ich mehrere internationale Wettbewerbe und nationale Vorentscheidungen – nichts davon ist übrig, ich höre mir nach wie vor die Beiträge vorher an und versuche, sie einzuschätzen, aber ich verfolge die Auswahlsendungen der einzelnen Länder schon lange nicht mehr, und ich sehe mir die Wettbewerbe auch nach der Ausstrahlung kein weiteres Mal mehr an, die meisten der Lieder dieses Jahrzehnts habe ich schon wieder vergessen.

Ich weiß, dass ich mit meiner Meinung ziemlich allein dastehe, aber ich wünsche mir die Spielregeln, die bis 1996 galten, zurück – Live-Orchester, Landessprache, ausschließliche Jurywertung – ich weiß, dass ich die Zeit nicht zurückdrehen kann, aber der ESC ist in meinen Augen zu beliebig geworden. In manchen Augen mag ich altmodisch oder spießig sein, aber das Kürzel ESC steht für einen Liederwettbewerb, bei dem nicht die spektakulärste Show bewertet werden soll, sondern die stimmigste Komposition. Bei den deutschen Vorentscheidungen Anfang der 1970er hieß es immer so schön, dass sich die Interpreten freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben. Heute übertrumpfen sich viele Länder mit spektakulärer Artistik, visuellen Effekten und ausgefeilter Choreographie. Statt auf durchdachte Lieder setzt man auf optische Skurrilitäten wie tanzende Strichmännchen oder plätzchenbackende Seniorinnen. Der Zweck hierbei ist, beim Fernsehpublikum in Erinnerung zu bleiben, damit dieses in großer Zahl anruft – den Sinn hiervon habe ich noch nie verstanden, wenn ich beispielsweise einen medizinischen Rat brauche, einen Antrag stelle oder mit dem Bus fahre, vertraue ich auf die jeweiligen Fachleute, warum soll bei der Bewertung von Musik die breite Masse abstimmen, bei der ich sicher bin, dass viele Leute nicht alle Beiträge konzentriert gehört haben oder auch nur über eine gewisse musikalische Grundkompetenz verfügen? Das Ergebnis soll offenbar kommerzieller Erfolg sein – aber abgesehen vom Siegertitel 2012, „Euphoria“ von der Schwedin Loreen, konnte keines der über 400 Wettbewerbslieder des letzten Jahrzehnts in den Verkaufslisten überzeugen.

Zurück zu den Wurzeln – das bringt mich zum ersten Lied, an das ich erinnern möchte. 2017 sang ein Portugiese ein sanftes Lied im Walzerrhythmus und in seiner Landessprache, das genauso auch schon mehrere Jahrzehnte früher am ESC hätte teilnehmen können. Seine Gestik und Mimik wirkte beseelt und verschroben, und er verzichtete auf jede Art von optischer Unterstützung. Er gewann haushoch, und für mich brachte er die Essenz des Wettbewerbs zurück, weshalb ich „Amar Pelos Dois“, gesungen von Salvador Sobral und geschrieben von seiner Schwester, zu den ewigen Sternstunden des ESC zähle.



Das gelungenste Gesamtpaket kam für mich 2015 aus Belgien. Der damals gerade 19jährige Loïc Nottet war damals nicht nur Sänger, sondern auch Autor und Choreograph des belgischen Beitrags „Rhythm Inside“, und die Textzeile „We‘re gonna rap-bap-bap tonight“ blieb im Gedächtnis. Loïc Nottet gehört zu den wenigen Künstlern, deren Karriere ich auch nach dem ESC noch verfolge, ich mag seine außergewöhnliche Stimme, und seine ausgefeilten Videos überraschen mich immer wieder. Er ist immer noch jung, ich hoffe, dass er auch außerhalb seiner Landesgrenzen seinen Weg noch machen wird.



Die speziellen, besonderen und extravaganten Lieder, von denen wir früher eine ganze Reihe hören durften, werden immer seltener. Um so mehr freue ich mich, wenn ein solcher Titel im Wettbewerb auch noch erfolgreich ist – so geschehen 2012, als Rona Nishliu Albanien mit dem Lied „Suus“ vertrat und Platz 5, das bis heute beste Ergebnis des Landes, belegte. Ihre Frisur blieb ebenso in Erinnerung wie ihre vokale Akrobatik, und wie auch beim bereits angesprochenen Portugiesen schadet es dem Lied überhaupt nicht, dass der durchschnittliche Zuschauer und -hörer kein Wort versteht, weil die gesamte Interpretation einfach stimmig ist.



Das soll meinen kleinen Rückblick auf die 2010er Jahre auch schon beenden. Abgesehen von der bereits angesprochenen visuellen Überfrachtung wünsche ich mit für die 2020er Folgendes:

1. Weniger Moderatoren – vier sind einfach zu viel, egal, wie sie geschlechtsmäßig aufgeteilt sind. Dass auch eine Person allein durch den Abend führen kann, zeigte die Schwedin Petra Mede 2013.

2. Keine internationalen Stars, die mit dem ESC nichts zu tun haben, als Pausenfüller, wie zuletzt Madonna oder Justin Timberlake. Sie lassen die Wettbewerbsteilnehmer, von denen die allermeisten den größten Auftritt ihres Lebens haben, wie Statisten aussehen.

3. Keine Reanimation von Künstlern, die den Zenit ihrer Karriere schon vor mehreren Jahrzehnten hatten (wie Bonnie Tyler oder Engelbert Humperdinck). Mit ihren Auftritten tut man wirklich niemandem einen Gefallen, sondern zerstört schlimmstenfalls Illusionen.

4. Australien sollte als einmaliger Teilnehmer beim sechzigsten ESC 2015 eine Ausnahme sein, seitdem ist es aber regelmäßig im Wettbewerb. Der ESC ist eine Veranstaltung der Europäischen Rundfunkunion EBU und deren Vollmitgliedern vorbehalten; Australien gehört nicht dazu.

In wenigen Tagen beginnt mit der albanischen Vorentscheidung die heiße Phase des ESC 2020. Ich werde sie, wie in den vergangenen Jahren, interessiert und unaufgeregt verfolgen und kurz vor den Live-Übertragungen wieder meine Einschätzung abgeben. Und ich bin mir sicher, dass ich in genau einem Jahr die meisten Beiträge des Jahres vergessen habe.

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Montag, 18. November 2019
41
Vor wenigen Tagen wurde bekanntgegeben, dass am ESC 2020 in Rotterdam 41 Länder teilnehmen werden – das ist die gleiche Anzahl wie 2019 in Tel Aviv, aber es gibt ein paar Änderungen.

Montenegro und Ungarn sagten ab – ersteres aus finanziellen Gründen, letzteres hat wohl eher mit dem politischen Wohlbefinden zu tun, es sieht so aus, als ginge Ungarn unter Orbán einen ähnlichen Weg wie die Türkei unter Erdoğan, die seit 2013 dem Wettbewerb fernbleibt.

Dafür gibt es aber auch zwei Rückkehrer, die beide ein Jahr ausgesetzt haben. Bulgarien, das wie in diesem Jahr Montenegro knapp bei Kasse ist, hat einen Sponsor gefunden, der alle Kosten übernimmt; das bedeutet auch, dass der Beitrag intern nominiert wird, er soll schon in wenigen Tagen präsentiert werden. Auch die Ukraine ist wieder dabei; 2019 gab es zwar eine Vorentscheidung, deren Siegertitel international sehr positiv aufgenommen wurde. Allerdings sorgten abstruse Klauseln in den Verträgen dafür, dass weder die vorgesehene Interpretin noch ihre Mitbewerber bereit waren, diese zu akzeptieren, sodass das Land notgedrungen absagen musste.

Das letzte Beispiel zeigt, dass die Zahl 41 noch nicht notwendigerweise auch die tatsächliche Anzahl der Beiträge zum ESC 2020 sein muss.

Was die Beiträge angeht, ist die Nachrichtenlage noch eher dürftig. Der bulgarische Beitrag wird aller Voraussicht nach, wie oben erwähnt, der erste sein, der publiziert wird. Die erste nationale Vorentscheidung findet, wie in jedem Jahr, kurz vor Weihnachten in Albanien statt. Und zwei Länder haben bereits ihre Interpreten nominiert, auf die Lieder müssen wir allerdings noch einige Zeit warten: Belgien hat sich für die Gruppe Hooverphonic entschieden, und für Spanien singt Blas Cantó. Beide sind schon seit einiger Zeit kommerziell recht erfolgreich, Blas Cantó ist vielleicht auch noch als Mitglied der Gruppe Auryn bekannt.

Warten wir also ab, welche Neuigkeiten die nächsten Wochen und Monate bringen.

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Mittwoch, 28. August 2019
ESC 2020 - ESC 1970
Jetzt wissen wir es also: Der Eurovision Song Contest 2020 findet erstmals in Rotterdam statt, und zwar am 12., 14. und 16. Mai. Die Niederlande sind zum fünften Mal Ausrichter des Wettbewerbs, zuvor wurde er in Hilversum, Amsterdam und zweimal in Den Haag ausgetragen. Ich möchte, um die Zeit bis zu den Vorentscheidungen und zum eigentlichen Contest zu überbrücken, gern 50 Jahre zurückblicken, also auf das Jahr 1970. Damals war Amsterdam Gastgeber des internationalen Wettbewerbs, die deutsche Vorentscheidung fand in Frankfurt am Main statt.

Das Ergebnis des Vorjahres, bei dem es vier gleichberechtigte Siegertitel gab, verursachte in vielen Ländern Ratlosigkeit und Verärgerung, mehr dazu später. In Deutschland witterte man hingegen Morgenluft, die letzten zwei Beiträge waren, anders als ihre Vorgänger seit 1964, kommerziell erfolgreich, und durch den Auftritt bekannter Stars wie Cliff Richard oder Lulu wurde der Wettbewerb auch für das junge Publikum attraktiv; der seinerzeit federführende Hessische Rundfunk beschloss, diese beiden Aspekte zu kombinieren und eine Vorentscheidung auszurichten, an der junge Künstler, die am Beginn ihrer Karriere standen, teilnahmen. Aus diesem Grund wurde die Bewerbung von Manuela abgelehnt, denn diese war eine der populärsten deutschsprachigen Künstlerinnen der 1960er und damals kommerziell sehr erfolgreich.

Lieder von sechs Autorenteams wurden ausgewählt, die ihrerseits gebeten wurden, Künstler vorzuschlagen. Katja Ebstein hatte einige Achtungserfolge, war einem großen Publikum aber noch eher unbekannt. Kirsti Sparboe hatte ihre Heimat Norwegen bereits dreimal beim ESC vertreten, aber jeweils einen der letzten Plätze belegt. In Deutschland hatte sie mit „Ein Student aus Uppsala“ Erfolg. Reiner Schöne war 1968 aus der DDR geflohen und hatte sich u.a. als Musicalsänger einen Namen gemacht.

Bei drei weiteren Interpreten mussten die Verantwortlichen allerdings umdisponieren: Edina Pop sagte krankheitsbedingt ab, für sie sprang Mary Roos, die bis dahin noch keine nennenswerten Erfolge gehabt hatte, ein. Joachim Laufer sagte der Text des ihm zugedachten Liedes nicht zu, er wurde durch Roberto Blanco ersetzt. Dieser hatte 1969 die Deutschen Schlagerfestspiele mit „Heute so, morgen so“ gewonnen. Und der Niederländer David Alexandre Winter sagte ab, weil er als Vertreter Luxemburgs direkt für den Wettbewerb nominiert wurde. Für ihn rückte Peter Beil nach; dieser war kein Neuling, er hatte schon seit mehreren Jahren Schallplatten veröffentlicht, allerdings war ihm der große Durchbruch nicht gelungen.

Die Vorentscheidungssendung wurde bewusst modern und farbenfroh gehalten, ein britisches Ballett sorgte für entsprechende Untermalung, und Moderatorin war Marie-Louise Steinbauer, die auch als Model arbeitete und insbesondere den norddeutschen Zuschauern als Gastgeberin der „Aktuellen Schaubude“ bekannt war.

Eine Jury wählte aus den sechs Liedern zunächst drei aus, die noch einmal präsentiert wurden, und aus denen dann der Gesamtsieger ermittelt wurde. Hier konnte sich Katja Ebstein eindeutig durchsetzen, ihre beiden Mitbewerber Mary Roos und Reiner Schöne blieben in der Finalrunde punktlos.







Der Siegertitel „Wunder gibt es immer wieder“ wurde vom Publikum gut angenommen, womit der Hessische Rundfunk sein Ziel bereits erreicht hatte.

Über dem internationalen Wettbewerb hingen allerdings mehrere graue Wolken, wie bereits erwähnt, gab es in mehreren Ländern Unzufriedenheit mit dem Vorjahresergebnis. Einige vorwiegend nordeuropäische Delegationen forderten, das Punktesystem zu reformieren; als dies nicht geschah, boykottierten sie den ESC. Diesem Protest aus Norwegen, Schweden und Finnland schlossen sich auch Portugal und Österreich an, sodass nur 12 Teilnehmer übrig blieben – weniger als in den gesamten 1960ern. Dass der ESC 1970 trotzdem ein Erfolg wurde, lag auch an den teilnehmenden Interpreten.

Der Sieg ging erstmals nach Irland, die junge Sängerin Dana wirkte mit ihrem schlichten, aber eingängigen Liebeslied „All kinds of everything“ und auf einem Barhocker sitzend fast schüchtern und eroberte so die Jurys, aber auch das Publikum, das Lied wurde in mehreren Ländern ein Hit. Dana hatte in den Folgejahren noch Erfolge in mehreren Sprachen wie „Fairytale“ oder „Spiel nicht mit mir und meinem Glück“, später machte sie als erzkonservative Parlamentsabgeordnete von sich reden.



Zum Zeitpunkt des ESC war Mary Hopkin bereits sehr bekannt, ihr Erfolgslied „Those were the days“ führte 1968 in vielen Ländern die Verkaufslisten an. Mit „Knock, knock, who‘s there?“ belegte sie Platz 2.



Auf Rang 3 kam Katja Ebstein, es war das bis dahin beste deutsche ESC-Ergebnis. Katja Ebstein wurde eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Künstlerinnen der 1970er und frühen 1980er Jahre. Und auf Platz 4 war Julio Iglesias zu hören, der seine Heimat Spanien vertrat, wo er bereits als Fußballspieler populär war. Seinen internationalen Durchbruch hatte er allerdings, und das unabhängig vom ESC, erst etwas später; er ist bis heute der weltweit erfolgreichste spanischsprachige Sänger; vielleicht gibt er diesen Titel eines Tages an seinen Sohn Enrique ab, der seit den 1990ern weltweit populär ist.



Auf den weiteren Plätzen gab es einige Kuriositäten: Die Gastgeber, also die Niederlande, wurden von den Hearts of Soul vertreten, einem Trio aus drei Schwestern. Weil die damaligen Spielregeln aber nur Solisten oder Duos zuließen, firmierten sie offiziell als Patricia Maessen und Chorsängerinnen. Aus Monaco kam eine kabarettartige Hommage an Marlene Dietrich, die auch einige deutsche Worte enthielt, und David Alexandre Winter, der verhinderte Teilnehmer der deutschen Vorentscheidung, wurde für Luxemburg Letzter, ohne auch nur einen einzigen Punkt zu bekommen.

A propos verhinderte Teilnehmer: Zwei von ihnen hielten sich mit deutschen Versionen der internationalen Beiträge schadlos: Manuelas Fassung von „All kinds of everything“ hieß „Alles und noch viel mehr“, und Edina Pop sang „Knock, knock, who‘s there?“ als „Komm, komm zu mir“.

Zum Abschluss noch zwei Trivia: Katja Ebstein heiratete den Komponisten ihres Beitrags, Christian Bruhn, 1972, und an der spanischen Vorentscheidung nahm eine Künstlerin teil, die in der Regel nicht mit dem ESC in Verbindung gebracht wird: Donna Hightower hatte 1971 mit „This world today is a mess“ einen Welthit und war US-Amerikanerin, lebte damals aber in Spanien, was ihren Auftritt erklärt. Mit „Soy feliz“ belegte sie aber nur Platz 7 der Vorauswahl.

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Donnerstag, 23. Mai 2019
Korrektur des Ergebnisses
Die veranstaltende EBU korrigierte gestern das Endergebnis des ESC, weil, wie es heißt, durch einen "menschlichen Fehler" falsche Punkte der weißrussischen Jury verkündet wurden. Am Sieg der Niederlande ändert das nichts, auch die Ränge 2 bis 4 bleiben unverändert; allerdings tauschen Norwegen und Schweden die Plätze 5 und 6, was de facto heißt, dass ich die Top 5 korrekt, wenn auch nicht in richtiger Reihenfolge, prognostiziert habe, was mir zuletzt 2004 gelang. Einen weiteren Platzierungstausch gab es zwischen Aserbaidschan und Nordmazedonien, die korrekten Top 10 des Wettbewerbs lauten also:

1. Niederlande
2. Italien
3. Russland
4. Schweiz
5. Schweden
6. Norwegen
7. Nordmazedonien
8. Aserbaidschan
9. Australien
10. Island

Auch Deutschland erhielt durch diese Unregelmäßigkeiten 8 Punkte zuviel und belegt in der nunmehr (hoffentlich) endgültigen Ergebnisliste nur noch Platz 25.

In der Vergangenheit gab es mehrmals nachträgliche Korrekturen der Punktzahlen (z.B. 1976 und 1977), selten hatten diese allerdings Auswirkungen auf die Platzierungen. Ich denke, dass diese Änderungen eher statistische Bedeutung haben, von den Zuschauern, die die beim ESC verkündeten Ergebnisse am letzten Samstag zur Kenntnis genommen haben, wird sich vermutlich außerhalb der betroffenen Ländern nur eine marginale Anzahl interessieren.

Hier ist die Verlautbarung auf der EBU-Seite: https://eurovision.tv/story/ebu-issues-statement-on-eurovision-2019-grand-final-result

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Sonntag, 19. Mai 2019
Nach dem Finale - Teil 2
Mein allerherzlichster Glückwunsch an die Niederlande, ich freue mich sehr über den Sieg beim diesjährigen ESC, nicht nur, weil ich darauf getippt habe, sondern auch, weil ich denke, dass Hilversum (wie 1958), Amsterdam (wie 1970), Den Haag (wie 1976 und 1980) oder welche Stadt auch immer ein guter Gastgeber sein wird, zudem in einem Land, das, wie drücke ich mich vorsichtig aus, politisch weniger Angriffspunkte bietet als Israel, die Ukraine oder Aserbaidschan, um drei Austragungsländer der jüngeren Vergangenheit zu nennen.

Die Organisation klappte in Israel nach und nach besser, beim ersten Halbfinale gab es insbesondere bei der Tontechnik noch Unregelmäßigkeiten, bis zum Finale waren diese weitestgehend behoben. Da passt es gut, dass die erste Halbfinalrunde ganz offensichtlich die schwächere der beiden war, das beste Lied, das sich hier qualifizierte, landete im Finale auf Platz neun. Vier Moderatoren sind meiner Ansicht nach einfach zu viel, insbesondere Erez Tal, der mehrere Jurysprecher mit „Good Night“ begrüßte und auch in anderen Punkten von seinem Kollegen Assi Azar mehr oder sanft korrigiert wurde, war überflüssig.

Überflüssig war auch der Auftritt von Madonna, der die Show unnötig in die Länge zog und, hier kommt wieder die Tontechnik ins Spiel, stellenweise amateurhaft klang. So tat sie sich keinen Gefallen, statt der erhofften Werbung für ihr neues Album erntete sie Häme und Spott. Während der gesamten Zeit klagten übrigens viele Anwesende darüber, dass die Klimaanlagen die Temperaturen zu sehr drosselten, Berichterstatter froren, und der russische Sänger Sergey klagte bei einer Pressekonferenz über stimmliche Probleme und bat darum, es möge doch etwas wärmer sein, offenbar ohne Erfolg.

Ich weiß, dass viele Menschen mich für ignorant halten, und aus ihrer Sicht stimmt das vermutlich sogar, aber ich habe kein Verständnis dafür, dass sich Leute aus religiösen Gründen Einschränkungen auferlegen, insbesondere dann, wenn Nichtbeteiligte darunter leiden – hier geht es um den stark eingeschränkten Busverkehr am Schabat, der viele Gäste vor vermeidbare logistische Probleme stellte. Es muss doch auch in Israel genügend Nichtjuden geben, die die Arbeit übernehmen können?

Seit 2009 erfolgt die Wertung hälftig durch Jurys und die Fernsehzuschauer, mittlerweile werden beide Komponenten getrennt voneinander bekanntgegeben, und oftmals gibt es zwischen diesen beiden Komponenten erhebliche Unterschiede. So lag die tschechische Band Lake Malawi bei den Zuschauern mit nur sieben Punkten an drittletzter Stelle, belegte aber dank der Jurys insgesamt Platz 11 – andererseits landeten die Publikumssieger aus Norwegen insgesamt „nur“ auf Platz 5 (was ich sehr begrüße, aber das nur nebenbei). Immer wieder werden Stimmen laut, die beklagen, dass ihr Favorit viel besser abgeschnitten hätte, wenn bestimmte Gruppen nicht abgestimmt hätten – ich finde das müßig, die Regeln sind bekannt, wenn man sie ändern möchte, kann man dies bei den entsprechenden Gremien beantragen – spätere Beschwerden halte ich für ärgerlich.

Die Jurys retteten den deutschen Beitrag vor dem letzten Platz, dort landete das Vereinigte Königreich, wohl auch wegen stimmlicher Probleme, die Sänger Michael Rice erst während seines Vortrags in den Griff bekam. Dissonanzen werden erfahrungsgemäß immer hart bestraft, und ich möchte wetten, dass es auf den britischen Inseln viele Stimmen gibt, die das schlechte Ergebnis auf das Durcheinander beim Brexit schieben, so wie es 2003 war, als für die 0 Punkte des britischen Beitrags (der wirklich erbärmlich interpretiert wurde) die damalige Beteiligung am Irak-Krieg verantwortlich gemacht wurde. Deal with it, dear Britains, and don‘t blame others! Nebenbei ganz wertfrei: Deutschland erzielte mit Platz 24 das zweitbeste Resultat der letzten fünf Jahre.

Wie ich schon in meinem letzten Eintrag vermutete, wird über Konsequenzen gegen die isländische Delegation wegen des Zeigens der palästinensischen Flagge beraten; dieser Vorfall wiegt u.U. schwerer als das Zeigen der Flagge von Bergkarabach durch die armenische Interpretin 2016, weil es sich diesmal um eine Provokation gegen das Gastgeberland handelt, die zudem auch noch angekündigt war (siehe mein Bericht zum ersten Halbfinale).

Übrigens, für die Statistik: Nordmazedonien und San Marino belegten jeweils den besten Platz ihrer ESC-Geschichte.

A propos Geschichte – dazu gehört jetzt auch der ESC 2019, und in wenigen Tagen haben sich sicher auch die Gemüter derjenigen beruhigt, deren Favoriten weniger gut abgeschnitten haben. Und falls – ich sage falls! - irgendwelche Skandälchen oder Unregelmäßigkeiten aufgedeckt werden sollten, möchte ich alle Leute bitten, sich nicht zu echauffieren, sondern daran zu denken, dass auch der ESC nur eine Unterhaltungsshow ist.

Neben dem ESC wurden auch die Fußball-Bundesligen an diesem Wochenende beendet, mein besonderer Glückwunsch geht an den Herbstmeister HSV, dem es in beispielloser Anstrengung gelang, den Aufstieg erfolgreich zu verhindern.

Damit kann jetzt alle Aufmerksamkeit auf die Wahl zum Europaparlament gerichtet werden, die selten so wichtig war wie diesmal. Ich möchte deshalb alle Leser meiner Einträge herzlich bitten, auf jeden Fall zur Wahl zu gehen und ihre Stimme einer demokratischen Partei zu geben. Schon seit einigen Tagen ist dies auch per Briefwahl möglich, daher sage ich: „Europe – start voting now!“

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Nach dem Finale
Mein Mettbrötchen hat gute Arbeit geleistet, ich habe den Siegertitel richtig prognostiziert, und meine Top 5 landeten auf den Plätzen 1, 2, 3, 4 und 6 – ich bin zufrieden, auch damit, dass ich die plötzliche Begeisterung der letzten Tage für Australien und Frankreich nicht in meine Wertung einfließen ließ. Die deutschen Teilnehmerinnen wurden durch die Jurys vor dem letzten Platz gerettet, das Publikum vergab keinen einzigen Punkt für sie. Ich werde Details der Wertungen in den nächsten Tagen, wenn sie nach und nach veröffentlicht werden, zu analysieren versuchen und dann einen abschließenden Eintrag schreiben.

Noch ein paar Worte zur Show: Gelungen fand ich die Erinnerung an frühere Wettbewerbsteilnehmer, die folgenden Beiträge fand ich eher langweilig, am wenigsten erfreut war ich über den Auftritt Madonnas. Ich mag ihre Musik seit Beginn ihrer Karriere, und das ist mittlerweile etwa dreieinhalb Jahrzehnte her, und sie war immer wieder spektakulär. Beim ESC wirkt sie auf mich allerdings wie ein Fremdkörper, da sie keinen Bezug dazu hat, und weil die Gefahr besteht, dass neben ihr die Teilnehmer, die sich monatelang akribisch vorbereitet haben und in den meisten Fällen das größte Publikum ihrer Karriere haben, wie Statisten aussehen. Zudem hat sie sich mit dem Auftritt meines Erachtens keinen Gefallen getan, viele Zuschauer warteten vermutlich wie ich auf die Wertungen und mussten stattdessen immer länger wegen einer Show, die wie ein Pausenfüller wirkte (was sie ja auch war), warten.

Ich bin übrigens gespannt, ob das Zeigen der palästinensischen Flagge durch die isländische Delegation während der Punktvergabe Konsequenzen haben wird. Die Regeln besagen, dass neben den Flaggen der Teilnehmerländer nur einige wenige weitere, beispielsweise die europäische oder die Regenbogenflagge gezeigt werden dürfen. Das Publikum reagierte jedenfalls verstimmt.

Eine kleine Anekdote, die mich zum Lachen gebracht hat: Ich verfolge die Pressekonferenzen nach den Halbfinalrunden, weil dort per Los entschieden wird, in welcher Starthälfte die Interpreten im Finale auftreten. Normalerweise ist die Fragerunde recht langweilig, jeweils ein Fragesteller aus dem jeweiligen Land und einer von anderswo kommen zu Wort, und meist kommen die Fragmente „How do you feel“ und „Amazing“ in den Wortwechseln vor, der Informationsgehalt ist meist sehr überschaubar. Beim ersten Halbfinale gab die Moderatorin die Diskussion allerdings frei, was dazu führte, dass sich viele türkische Beobachter an ihren Landsmann Serhat, der San Marino vertritt, wandten. Als es endlich auch eine Frage an Klemens aus Island gab, erkundigte sich dieser, ob nicht lieber Serhat antworten soll. Klasse!

2020 wird der ESC in den Niederlanden ausgetragen, zuletzt war das 1980 der Fall. Der letzte Sieg des Landes liegt noch etwas weiter zurück, er war 1975.

Einen abschließenden Eintrag werde ich, wie schon erwähnt, bald nachreichen.

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